Noch ein Weblog auf das die Welt nicht gewartet hat ?
(1. Januar 2010)
Ich blogge also bin ich ? – Tja, was tut man nicht alles, um als digital Immigrant (Frank Schirrmacher: “Payback“) nicht zu den Spielverderbern der Spaß- und Religionsmaschine Internet gezählt zu werden …
Ich schätze mal dieser Text wird im Lauf des Jahres 50-mal abgerufen. Die meisten Leser werden vermutlich aus meinem Bekanntenkreis stammen, die übrigen wird Google über krumme Wege hierher verschlagen. 50-mal angeklickt heißt 5-mal quergelesen. Mein Leben hat das Gewicht eines Staubkorns und sein geblogter Existenznachweis erfordert eine Aufmerksamkeitsspanne von 2 Sekunden.
Für diese Einschaltquote ist der ganze Aufwand hier natürlich völlig hirnrissig, und die Frage – insbesondere aus meinem weiblichen Umfeld – ob ich denn nichts Besseres zu tun hätte, ist zweifellos berechtigt. Da bleibt mir spontan auch nur eine Verlegenheitsantwort: Die Sinnfrage stellen Frauen immer genau dann, wenn man Ihnen vor Augen führt, das sie noch heute täglich zum Fluß laufen müßten, wenn wir Männer nicht die Waschmaschine erfunden hätten…
Mehr als 200 Millionen Weblogs und 400
Millionen facebook-Mitglieder soll es nach einer groben Schätzung (Januar 2010) auf der Welt geben. Nehmen wir also mal an, von 100 aktiv betriebenen Webtagebüchern sind fünf dabei, die dem digitalen Flaneur unterhaltsam aufbereitetes Wissen und bislang unbekannte Weltsichten andienen, dann bleibt genug übrig, um der abendlichen Berieselung durch RTL und ProSieben eine Alternative bieten zu können.
In Deutschland betreiben derzeit 7 Millionen Menschen eine eigene Website und 15 Millionen stellen ihre Fotos ins Netz. In den Blogs und Foren tummeln sich 90 Prozent aller Jugendlichen. – Alles egomane Narzissten wie eine Freundin kürzlich meinte ? – So einfach sollte es sich die Generation 6o+ nicht machen. Die Frage ist allerdings: Wie viel Öffentlichkeit darf sein – und wieviel muss sein ? Gehört man ohne Facebook-Account noch zum satisfaktionsfähigen Teil der Gesellschaft oder macht man sich mit einem persönlichen Webauftitt nicht eher zum Affen?
Tja, ich weiß es nicht. Da ist viel in Bewegung. Deutlich wird zumindest, das wir uns gerade in einer gesellschaftlichen Spaltung befinden: ein Blog oder eine Website zu pflegen wird in 5 Jahren für die Generation der digital natives genauso zu den Standard-Kulturtechniken gehören wie das Essen mit Messer und Gabel. Wer das noch immer belächelt, kann sich schon mal auf einen Lebensabend in einer vom sozialen Diskurs weitgehend ausgegrenzten Deppenrunde einstellen.
Andererseits sind 300 Facebook-Freundschaften, 200 Xing-Kontakte und ein täglich aktualisiertes Blog eher Symptom einer Sucht und Indiz einer Profilneurose. Die Erklärung für den digitalen Mitteilungswahn liefert Peter Glaser in seinem brillanten Essay “Leben auf dem achten Kontinent“: “Die Sozialen Medien nur als Nachrichten-Umschagplatz zu betrachten, greift zu kurz. Im Netz sind Medien nicht mehr nur Dinge, die wir benutzen – wir leben heute in unseren Medien, auf Facebook, Twitter, in Foren und Blogs” Und zitiert dazu passend Wilhelm Busch: “Doch guter Menschen Hauptbestreben / ist, andern auch was abzugeben“.
Viele Blogs sind tatsächlich eher Spielwiesen für Narzisten -
denn bei allem partizipativem Engagement ermöglicht die Präsenz im Intenet immer auch einen Distinktions- und aufmersamkeitsökonomischen Zugewinn. Ebenso wahnhaft wie lächerlich ist das bei unzähligen Weltverbesserern und “Verschwörungstheoretikern” anzutreffende Omnipotenzgehabe – ablesbar am vermeintlich heroischen Bemühen, die ahnungslosen Schäflein über die “wahren” Absichten des CIA, der “Bilderberger“, der “Skull & Bones” und anderer sinister Politiker, Tycoone und Illuminaten aufzuklären. Fernab jeglicher Eigenrecherche sind diese blogenden Robin Hoods in ihrem Kampf gegen die “Mainstreammedien” aber am Ende nur “Distributeure” und keine “Produzenten” von Nachricht und Inhalt.
Da aber andererseits – “weil es die Quote eben so verlangt” – auf den Promenadendecks der Titanic nur noch Seichtigkeiten auf die Bühne gelangen, erreichen die Eisbergmeldungen das sich zu Tode amüsierende Publikum tatsächlich oft erst über die eher abseits gelegene Beobachtungsposten. Ohne Frage schaffen hochkarätige Blogs, geschliffene Youtubevideos und natürlich Wikileaks neue Räume der Üffentlichkeit. Mögen allerdings die Blogeliten Die Achse des Guten, Carta, The European, Nachdenkseiten, Ruhrbarone, Spiegelfechter, Spreeblick, Weissgarnix, und tausend weitere “Edelfedern“ unsere dystopische Zeitreise auch noch so erhellend, mutig, und idealerweise auch motivierend kommentieren – ihr inhaltliches Gewicht bleibt dennoch hinter jeder 3-minütigen Selbstinszenierung bei Harald Schmidt, Günther Jauch und Sandra Maischberger zurück. Jede Nachrichten- und Dokumentarsendung im Fernsehen, jede Talkshow hat noch immer – wenn auch in abnehmender Tendenz – das tausendfache Gewicht eines über 3 Jahre top-gepflegten, inhaltlich wie optisch anspruchsvollen Webtagebuchs.
All das ist natürlich kein Grund, sich über Sinn und Unsinn des social web mehr aufzuregen als es unter pensionierten Studienräten üblich ist, denn letztlich ist auch das Inernet nur ein Abbild der gesellschaftlichen Realität. Die Feststellung: “Das Fernsehen macht die Schlauen schlauer und die Dummen dümmer” gilt in gleicher Differenzierung auch für die net citoyens. Und wenn im Web sogar die Amish people ihr Dordrechter Glaubensbekenntnis digital unter die Leute bringen – dann – bitteschön – möchte auch ich nicht länger zur aussterbenden Kaste der unvernetzten Posthippies gehören… ![]()
Die gefährlicheren Untiefen der blogosphere zeigen sich an anderer Stelle: “Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen” heißt der Untertitel von Frank Schirrmachers Buch. Und genau das ist der Punkt: So genial die technischen Möglichkeiten heute auch sind: Parallel zum “Wurst-Blog” vom Metzgermeister und der “Youtubifizierung der Politik” (Andrew Keen) kompensiert mittlerweile eine ganze Generation von Asperger-Autisten das zunehmend als bedeutungslos empfundene Leben durch ein mit Allmachtsfantasien angereichertes “Second Life“
Der amerikanische Neurowissenschaftler Gary Small weist daraufhin, das “der tägliche Umgang mit Hightech-Erfindungen dazu führt, dass Hirnzellen sich verändern und Neurotransmitter freigesetzt werden, wodurch allmählich neue neuronale Bahnen in unserem Gehirn gestärkt und alte geschwächt werden” Wenn Jugendliche ihre freie Zeit nur noch mit Fernsehen, Smartphones und Computern verbringen, fehlt ihnen die Gelegenheit die Natur zu erkunden, Tiere zu beobachten, zu musizieren, miteinander Sport zu treiben oder Gespräche zu führen. Und das rächt sich in zunehmender Wirklichkeitsferne, Irrationalität und Selbstentmächtigung. Das “Leben im Stand-by Modus” hat dem schönen deutschen Begriff “Muße” längst die Würde genommen.
Unsere biologische Ausstattung ist der explodierenden kommunikativen Vernetzung schlicht nicht gewachsen. Wer die Außenwelt nur noch via Monitor und PC-Tastatur kontaktiert, dem verkümmern die 5 Sinne. Die pausenlose Flut von akustischen und visuellen Reizen auf die jugendlichen iBrains ist vermutlich auch die Ursache für die rapide wachsende Zahl von Kindern mit der Hyperaktivitätsstörung ADHS und steht – neben anderen Faktoren – sicher auch in einem direkten Zusammenhang zur Verblödung und Verrohung weiter Teile der sozialen Unterschicht.
Aber auch wir digital Immigrants drehen am Limit
Frank Schirrmacher: “Es geht etwas Grundsätzliches vor: Das Hirn verändert sich durch die Reizüberflutung. Unsere Aufmerksamkeitsspanne wird immer kleiner.” – Wenn wir konzentriert ein Buch lesen, blättern wir nicht ständig hin und her, unterbrechen den Gedankenfluss nicht durch den Abruf von E-mails, Tweets, Short Messages, Youtube-Clips oder SPIEGEL-Online-News. Genau das passiert aber, wenn wir an einem vernetzten Computer sitzen. Unsere Gehirne können die Informationsflut nur lose verarbeiten, neue und vor allem nachhaltige Zellverschaltungen können nicht gebildet werden – und so wird die von allen Körpererfahrungen befreite Welt wieder zu einer “Scheibe” – genauer: zu einer Flachbildscheibe.
Wie sehr sich zum Beispiel unser limbysches System in den letzten 50 Jahren durch den Medienkonsum “anpassen” mußte, kann man beispielhaft am Vergleich eines frühen Edgar-Wallace-Krimis mit einem aktuellen Splattermovie wie “Hostel” (Produzent übrigens der hochgelobte Quentin Tarantino) – sehen. Die gesunde Reaktion auf die extreme Gewaltdarstellung wäre eigentlich das Kino spätestens zur Halbzeit kotzend zu verlassen, – für die unter 30-Jährigen ist Tarantino aber einfach nur “cool” und schon beim Abspann zückt der urban Psycho völlig entspannt sein smartphone um das facebook pinboard zu checken. – Das Gewaltdarstellungen und Computerspiele die Aggression verstärken, gilt mittlerweile als bewiesen, die Frage, ob auch das Internet mehr thrill-seeker und Soziopathen heranzüchtet als eh schon vorhanden, – ist noch offen. Zumindest erscheint der generation porn chic schon die Welt unser Großeltern – wie sie gerade Michael Haneke in seinem Meisterwerk “Das weiße Band” gezeigt hat – wie ein Bericht aus der Steinzeit. Dabei sind 100 Jahre im Maßstab unserer Evolution gerade mal eine Millisekunde.
Das die Medien unsere Psychogenese, unser aggressives und empathisches Potential und unser Paarungsvehalten radikal verändert haben, steht außer Frage. Wenn es aber zutrifft das sich der digital vernetzte Narziss zum brauchbarsten Sozialcharakter entwickelt, liegt die lebenwertere Zukunft wohl schon hinter uns. Ob also die Segnungen des Internets unser Leben tatsächlich angenehmer, bewußter und friedvoller gestalten oder ob wir – bereits an den Marmorklippen stehend – gerade dabei sind uns an algorithmisch sortierende Maschinen zu versklaven – ist definitiv noch nicht beantwortet.
“Wenn das Private zur Standardeinstellung wird, verlieren wir den unglaublichen Wert des Internets, uns miteinander zu verbinden und auszutauschen. Dazu muss man bereit sein, auch etwas über sich preiszugeben” meint allerdings Jeff Jarvis und wundert sich, weshalb die Deutschen über ihre Privatsphäre mehr besorgt sind als über ihren Intimbereich. Tja, wenn das so ist, und Google nur die Redefreiheit im Internet verteidigt, dann müssen wir mit unseren kleinen rebellischen Blogs eben dafür sorgen, das sich die schlimmen Visionen von Huxleys globaler Verschwörung nicht schon bewahrheitet wenn iGod Steve Jobs Herman Melvilles “Moby Dick” zensiert (siehe dazu > Das große iPad-Unbehagen und > It´s the economy, stupid!)
Für den Einzelnen wird das nach ein paar Monaten allerdings ziemlich anstrengend, denn wie soll man das Niveau seines Blogs durch genuine Beiträge halten wenn schon die Hälfte der Zeit für das ständige Sichten, Bewerten und Verknüpfen von Leserreaktionen und Trackbacks verloren geht? – Wer hat schon die Zeit, täglich mehr als 200 neu hereinpurzelnde Informationshäppchen auf spam und Relevanz zu überprüfen ? – Niemand natürlich !
Viele der mit Fleiß und Liebe gepflegten Blogs drehen sich daher in selbstreferenziellen Schleifen. Man redet im Internet über das Internet, am smartphone über smartphones und blogrolls verlinken blogrolls. Das social web wird so zum Hamsterrad – oder für ganz Schlaue mit Niklas Luhmann: Wird die Komplexität des Systems selbst reduziert, so sinkt seine Anpassbarkeit an die Komplexität seiner Umwelt …
Soweit die Einsicht. Warum also der ganze Aufwand hier ?
Ganz einfach: Männer spielen nun mal gern ! – Zumindest wenn sich der Gegenstand des Interesses rollend bewegt, – brummende Geräusche von sich gibt, – wenn ein paar Kabel verlegt werden müssen, oder wenn es gilt, auf einem PC-Monitor seltsame Zeichenketten zu dechiffrieren. Die Einrichtung dieses Blogscripts ist für mich also zunächst nichts anderes als ein experimentieller Bastelkurs. Und ohne Bastelei und Forschergeist gäb´s für die Mädels – siehe oben – eben auch keine Waschmschinen …![]()
Aber die Folter hört ja leider nicht auf: nachdem mir gerade ein 17-Jähriger Nerd eindrucksvoll demonstriert hat, daß sich meine Schlüsselqualifikationen für die Wissensgesellschaft nur auf dem Niveau eines Anfängerkurses im Seniorenheim bewegen, habe ich ich mich bei Mashable umgeschaut und mir eine To-do-Liste mit den Top 100 web 2.0 tools besorgt. Aber kaum das ich mich bis “Buzz“ und “Foursquare” vorgekämpft habe, lese ich in einer erschütternden Meldung, das ich der Zeit kommunikationstechnisch schonwieder hinterherhinke…
Gemessen an der Medienkompetenz der “generation facebook” ist mein Auftritt im social web wohl immer noch recht bescheiden, verbringen doch schon 23 % aller deutschen Studenten täglich 4 bis 6 Stunden im stand-by-modus (wobei nach einer Untersuchung der Humboldt Universität ein wöchentlicher “Online-Konsum” von 35 Stunden schon als “Suchtgrenze” definiert wird.) – Man fragt sich mit welchen Folgen das in 20 Jahren enden soll …
Im Internet “projizieren Menschen ihre Identitäten, indem sie ihre Beziehungen zu anderen Menschen ausstellen” meint der Ethnologe Michael Wesch. So gesehen befinde ich mich zweifellos in einer ernsthaften Identitätskrise, denn mein Freundes- und Bekanntenkreis ist – wie die langjährige Erfahrung zeigt – mehrheitlich technikavers, ungoogable und schreibgehemmt. – Pardon: sie besitzen einfach eine höhere sittliche Reife….
Und deshalb wird es hier wohl auch bei diesem ersten Posting bleiben -
denn meine Kommentare zum Fortgang der Weltgeschichte kann ich weniger prätentiös auch im Café an der Ecke verkünden. (Zumindest im Prinzip – denn auch dort erschöpft sich ja der Gedankenaustausch mit den geneigten Tischnachbarn oft nach 10 gebrüllten Halbsätzen, weil trendige Gastronomen heute meinen, man müsse die soziale Entfremdung der Gäste auch noch kongenial mit dancefloor beats und zappelnden Videoclips bespaßen)
“Man kann nicht nicht kommunizieren” meinte tröstend der pragmatisch denkende Paul Watzlawick. Und man kann Dinge auch totquatschen. Aber ob ein tweet mit 140 Zeichen “Vergewisserungskommunikation” das geeignete Mittel ist, um seine soft skills zu belegen, wage ich dann doch zu bezweifeln.
Doch wozu sich aufregen? – Wenn der “soziale Kitt” – wie ihn Erich Fromm in der Funktion unserer Kultur erkannt hat – nur über den Preis der Entfremdung 2.0 zu haben ist, ist man ja schon selig, wenn das iPhone neben dem Caffè Latte gerade eine Freundschaftsanfrage von Letícia aus Brasilien meldet …
Social Networking ? – Wenn du einen Freund brauchst, kauf dir einen Hund !

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